Yang … Yang

Fragend blickte sie mich an,
als ich ihr die Hand reichte.
Mein Yin hat das Yang verloren.
Wie weit ist es noch,
bis zum Vergessen?
Der Regen lässt nicht nach.
Ich antworte mit fester Hüfte.
Ihre Hand war längst fort.

wegtreten

Du musst einen Schritt wegtreten. Weg von der Hitze, aus dem Feuer gehen, es verbrennt dich. Es ist schön wenn es wärmt, aber  wenn du blasen bekommst, die zu offenen Wunden werden und dich das Eiter zerfrisst, ist die Magie verschwunden. Ein Glas Whisky um den wehen Zahn gespült und eins noch zum Schlafengehen. Morgen lüftest du dein Zimmer, es riecht schon säuerlich.

Im Spiegel siehst du fetter aus als du dich fühlst und die Haare stehen dir zu Tal. Du drehst jetzt am besten das Licht ab und haust dich unter die drei Decken, die  du eigentlich in die Truhe stopfen wolltest. Eine Idee von Wärme, nur für diese Nacht noch. Eine kalte Nacht, die längst schon dem nächsten Tag gehört.

Morgen räumen wir die Decken weg und alles andere was da so herum liegt. Morgen schmeißen wir alles von heute weg. Die leere Whiskyflasche, die Verpackung vom Speck, die zertretene Brille am Teppich, die Taschentücher und die alte Hoffnung.


„Danach gibt es für mich keine Heimatstadt mehr. Bei dem Gedanken, dass nirgendwo mehr ein Ort existierte, an dem ich zurückkehren muss, fiel mir ein Stein vom Herzen. Niemand will mich mehr treffen. Niemand verlangt mehr nach mir, und niemand wünscht sich mehr, dass ich nach ihm verlange.”


HARUKI MURAKAMI: Wilde Schafsjagd

Scherben

Im Traum
fällt mir mein Leben wieder ein
und was muss ich sehn?
Scherben
bringen Glück, sagt man.
Aus tiefem Schlaf erwacht
wundere ich mich über den Trauerzug.
Bin ich denn tot?
Na endlich!

Balkonromantik

Zugeklappte Stühle, für Gäste die niemals kommen,
in die leeren Blumentöpfe wurzelt sich herbeigewehte Natur.
Lackgrüne Bambusstengel im Hintergrund
und davor das hängende Schlaftuch aus Fallschirmseide
Betäubendes Rauschen des wilden Wassers tief unten in der Schlucht,
kleine Menschenfische wuseln an gläsernen Korallen,
dazwischen buckeln Automobile wie gefräßige Wale.
Hoch die schwarzen Vögel sehen ganz andere Dinge und dann schaut Hugin herüber.
Unsere Hauskrähe sucht seit Tagen ihren Leckerbissen, aber vergebens.

Der gelbe Gartensessel – leer.

Oft schau ich hin, um ihn zu füllen, mit einer optischen Täuschung.
Dann sehe ich dich, kann dich aber nicht hören, verstehe nicht, was du mir sagst.
Der ohrenbetäubende Fluß verschlingt deine zarten Worte.

Meine Kaffeetasse ist schon lange vertrocknet.
Bücherstapel vor mir, sollen mich bilden.
Kaum lese ich einen Satz, da wüten die Gedanken
und treten mit harten Füßen von innen an meine Stirn.
Ich muss sie halten, ihre Stimmen fangen.

Kann kaum so schnell schreiben, wie sie mir durcheinanderreden.
Das musst du, und das auch noch …
Die Erde (Globus) hat der Sonne schon den Rücken gekehrt.
Immer noch sitze ich da, ohne Hemd.
Die Fische ziehen weiter, der Fluss hat sich beruhigt
und lässt mich wieder Tauben flattern hören.
In Amerika haben sie viel mehr Kondensstreifen, sagen sie.

Dein lila Plastiksessel sitzt breit da und grinst mich an,
eine Zigarre genüsslich im Mundwinkel.
Recht so.
Als der Tag die Szene verlässt bemerken wir, dass der Abend längst seine Rolle spielt.
Er hat unseren Applaus verdient.

Wiederholt denke ich an Dich in Indien wo die Nacht jetzt ihren Monolog hält.
Schlaft gut ihr runden neugierigen Augen, ihr flatternden roten Haare,
schlaf gut, du Zimtmund und auch du Vanillehals.

Morgen küssen euch meine Fanfaren.

Weil ich nicht bin, in Indien

blau

Da ist kein Ohr mehr
und kein Durchblick,
Buntheit, die mich knebelt,
Vielfalt die auch dich täuscht.
Ich hab es gefunden, das süße Leben,
aber darf es nicht behalten,
es gehört mir nicht.

Die wenigen Inseln,
die wir besuchten
sind längst versunken.
Auf der wir wohnen
schwankt der Boden.

kraftlos in der Takelage
sage ich blau
und du sagst rot.

deine Haare flattern
wie die Segel.

Ein Vogel liegt im Sand.

rot

Vögel im Schlafzimmer

dein Platz ist besetzt
von mir genommen, dein Polster

die Kunst am Fenster sagt rot
ich sage weiß
und lösche alle Farben

ein Schloss wollte ich bauen
eine Burg, ein Dorf
es wurde nur Weg,
Fels und Schlucht
Ist das nicht dumm?

Ich habe deinen Gesang im Ohr
auch wenn du selten singst
die Aura, mit der du schläfst
die auf dir liegt
kann ich nicht sehen
weil ich nicht bin
in Indien

Teich

Meine Füße sinken
zwischen den Zehen
quetscht sich sanft
und liebkosend
der Teichschlamm
das kennt der Entenvogel nicht.

Verdammte Hunde

Blech kracht auf Blech
Ich wache auf
Der Gemüsemann hustet

Ratternd fährt der Rollbalken nach oben
Meine Rippen graben sich in meine Lungen
„Hau jetzt ab, die Kunden kommen!“
Er wirft mir eine alte Avocado zu
Sie landet in meiner Ecke

Meine Hände gehören mir noch nicht
Ich rolle mich auf die Knie
und hinterlasse einen großen dunklen Fleck
„Wieder die verdammten Hunde“, rufe ich ins Geschäft
Es hört sich an, wie aus einem tiefen Brunnen
Als mich der Morgenwind erfasst, spüre ich es kalt im Schritt
Wie immer nach solchen Nächten

Hinter dem Futter meines Mantels
hole ich meine  löchrige Wollmütze hervor
die meine letzten Strähnen zähmt
und die Krusten am Hinterkopf verdeckt
Meine Knie zittern als ich mich nach vor neige

Ich schaue auf: kein Mensch in Sicht.
Der erste Schritt ist immer der Schwerste
Was danach kommt nennst du Leben.

Cafe „Einfahrt“

Wie er sich plagt, sein Hals wird fest, man sieht seine Sehnen. Immer mehr Blut presst sich in sein Gesicht und färbt es gefährlich rot.

Herwig spielt Be-Bop. Ein Schlagzeuger, ein Bassist und Herwig. Ich erwartete heute eckige Musik. So nenne ich den Jazz mitunter. Aber ich höre weiche, harte, dumpfe und schrille aber runde Töne. Hinauf und hinunter zirkulieren Herwigs Finger auf seinem Saxophon. Weiß er, welchen Ton er als nächstes spielen wird? Oder den übernächsten? Oder lässt er seine Stimmung entscheiden?

Der Klub, viel länger als breit und an seinem Ende eine Bühne, klingt gar nicht nach Betonröhre oder Badezimmer. Er klingt sehr nach Klub. Nach einem Jazzklub mitten in Wien. Nicht New York, nicht Prag. Wien. Es ist schön hier in dieser Stadt zu leben, sich nicht nach Greenwich Village sehnen zu müssen, oder in den kleinen verrauchten Bierjazzkeller in Prag.

Man braucht nur am Karmelitermarkt in die „Einfahrt“ zu gehen und schwupp sitzt man in einem äußerst klubbigen Jazzklub.

Heizungsrohre führen an der Decke längs durchs Lokal und enden über den Musikern. Es ist kaum mehr Platz zum sitzen frei, nur mehr an Plätzen an denen man nicht zur Bühne sieht. Heute wollen alle das Trio bewundern. Viele drängen sich an die Schank um immer wieder Platz zu machen für den Kellner und seinem Tablett.

Sieht das Jazzpublikum eigentlich anders aus als sagen wir Rock- oder Westernfans oder Heurigengäste?

Ja, klar. Jazzer sind immer von einer intellektuellen Wolke umgeben. Bloß nicht anmerken lassen, dass man vom Jazz keinen Tau hat.

„Stan Getz?“ „Ja genau!“

Alles Profis, was den Jazz anbelangt. Ich fühle mich gerade deshalb hier sehr wohl.

Sie sind mir in diesem Punkt alle überlegen. Alle. Ohne Ausnahme. Da kann ich doch eine Menge lernen, oder?