Tagaeri – verschollen im Amazonas-Regenwald

Dicke Wolken schoben sich über die dünne Mondsichel und der Baumfrosch verstummte.
Mit ihm hielt auch alles Andere die Luft an. Eben noch hatten wir dem kakophonischen Konzert der Dämmerung gelauscht und nun war kein Zirpen, Pfeifen und Rufen mehr zu hören und es war kein Luftzug mehr zu spüren, kein Hauch. Nur das Rascheln und Knacken der Äste, die stetig zu Boden fielen, ließ uns wissen, dass wir tatsächlich immer noch da waren, mitten im Dschungel, und noch lebten. Sie waren dort drüben, über dem Fluss, hinter der grünen Wand am Ufer; ich spürte es, ich wusste es.

Die Tagaeri waren in der Nähe: ein indigenes Volk im Amazonas-Regenwald von Ecuador, das sich von den Huaoranis, die ebenfalls hier leben, abgespaltet haben. Ein Volk das mit der Zivilisation nichts zu tun haben möchte, das immer noch so lebt, wie die Einwohner dieses Waldgebiets schon vor tausenden von Jahren gelebt hatten. Eindringlinge werden mit gewaltsamen Drohgebärden daran gehindert weiter vorzudringen und wenn das nicht hilft, als unmissverständliche Botschaft auf Tagaeri-Art umgebracht. Sie lassen viele Speere in den Körpern der Feinde. Ihr Stammesname kommt von Taga, das heißt Speer. Die Huaorani lassen nur vier bis sechs Speere stecken, aber die Tagaeri stechen wieder und wieder zu und lassen bis zu achtzehn Speere in den Bäuchen und Brustkörbe der Opfer zurück. Ihre zwei bis drei Meter langen Speere sind aus dem Holz der Chonta-Palme, ein Holz mit der Festigkeit von Stahl. Sie werden mit dem Farbstoff der Achiota-Frucht rot gefärbt und nur für das Töten von Menschen eingesetzt. Zum Jagen von Tieren nehmen sie ihre langen, schweren Blasrohre. Und nun sind sie hier. Nicht zu hören, nicht zu sehen. Aber sie sind da. Sie lauern drüben am anderen Flussufer.

Vielleicht, wenn wir uns nicht bewegten und lange genug ausharrten, dass sie weiter zögen? Ob wir sie angelockt haben? Wir machten Feuer, grillten Pirañas und unsere einheimischen Führer gaben Jagdgeschichten zum Besten, oder erzählten Anekdoten vom wilden Stamm der Tagaeri die manchmal kolumbianische Bauern verspeisen. Aber das schien alles nur Jägerlatein. Ich lachte laut auf, aber damit wollte ich nur meine Furcht vertreiben und die von Mari, meiner Begleiterin. Man hörte uns sicher schon von Weitem, wir waren viel zu laut, mucho ruido.

Das Feuer war inzwischen niedergebrannt, das gesammelte Holz war verbraucht und es wurde langsam kühl. Die Dunkelheit war hautnah zu spüren und ich hörte den Atem von Mari. Den unserer Führer nicht. Es schien als ob sie gar nicht da waren.  Ein Plätschern drang vom Fluss herauf zu uns und ich dachte an Fische. Langsam wendete ich den Kopf, damit mein Nacken nicht zu laut knirschte, und sah nach hinten. Lange blickte ich auf das Loch, dass die beiden Bootsführer hinterlassen haben. Im Wald denkt man oft, man sieht eine Gestalt, die sich dann als Ast oder Baumstumpf entpuppt, hier war es umgekehrt. Ich sah immer noch den Umriss von Cosello, dem jüngeren der Beiden. Er verblasste nur langsam und verschmolz dann für immer mit dem Hintergrund. Dann wieder das leise Plätschern. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich begriff. Wenn die breiten aber dünnen Ruder ins Wasser stechen machen sie kein Geräusch, ihr Ruderschlag ist völlig lautlos, aber manchmal bricht eine Welle am Bug des Kanukos.

Als ich rasch wieder meinen Kopf dem Plätschern zudrehte, sah ich einen länglichen Schatten davon gleiten, unseren Einbaum. Und wir saßen nicht drinnen. Ich nehme an, sie haben uns nicht mitgenommen, weil wir viel zu laut waren, wie Tapire die durchs Unterholz stampfen. Wir hörten nicht, wie sie sich vom Lagerplatz entfernten und sehen konnten wir sie auch nicht, denn unsere Augen und Ohren waren auf das andere Flussufer fixiert. Doch nun war uns vollkommen klar, dass unsere Führer uns fluchtartig verlassen haben.

Dann …

Tagaeri - Verschollen

Fortsetzung in Arbeit.

Der Name der Katze

Ich hatte sie gar nicht kommen sehen, hatte nichts gehört, aber sie saß mit einem Mal vor mir. Hatte ich vergessen die Haustür zu schließen? Warum stieg sie überhaupt bis in den vierten Stock, kam in meine Wohnung, schlich hinaus auf den Balkon um sich geradewegs vor mich hinzusetzen und mich mit ihren großen Katzenaugen mit schmaler Pupille anzusehen als würde sie sagen: „Hier bin ich, jetzt gib mir einen Namen!“?

Eine Zeitlang sahen wir uns unbewegt in die Augen. Manchmal kniff sie ihre Augen zu, was auf kätzisch meint: „Nur die Ruhe, es ist alles in Ordnung“. Ich tat das gleiche um ihr ebenso beruhigend zu antworten. Mit Katzen kenne ich mich aus, bald wird sie ihren Schwanz langsam hin- und her schwingen wie eine Barsängerin  ihre Federstola und bald wird sie mir vertrauen und sich schnurrend an mein Bein schmeicheln. Nur kurz zuckte sie mit ihrem Kopf zur Seite, in Richtung Nachbarbalkon, als dort eine Krähe vom Geländer abflog. Gleich sah sie mich aber wieder eindringlich an und meinte: „Du musst mir einen Namen geben!“

Ich dachte nach. Welchen Namen konnte ich einer grau getigerten Hauskatze denn geben? So wie diese Katze hier vor mir saß, mit ihren gelben Augen, ihrer braunen Nase, ihren langen Schnurrhaaren  und ihren kuscheligen Vorderpfoten, die sie perfekt nebeneinander vor sich hinstellte, erinnerte sie mich an all die Katzen  an Urgroßmutters Bauernhof. Die hießen dort alle Petzi, Schnurrli, Murrli, Minki und Maunzi, aber eine mochte ich besonders, die hieß Sokrates.

Mein Großonkel Hans, einer der Söhne meiner Urgroßmutter , ein einfacher Bauer, wenn man ihn nur oberflächlich kannte,  hatte ihr diesen Namen gegeben. Onkel Hans wirkte auf viele wie ein Philosoph und die Nachbarn nannten ihn einen weisen Mann. Dabei redete er von sich aus nie viel mit den Leuten und führte allerhöchstens Selbstgespräche, aber wenn er einmal gefragt wurde, dann kamen seine Gedanken so klar und sicher über seine Lippen, dass es keinen Zweifel gab: der Mann wusste wovon er sprach und er würde auch wissen wie meine Katze heißen sollte.

Als mir sein Bild aus den Tiefen meiner Erinnerung aufstieg, da wusste ich mit einem mal , wie ich diese Katze hier nennen musste und obwohl mir nicht klar war, ob ich ein Männchen oder ein Weibchen vor mir hatte, gab ich ihr den Namen „Hans“.

Namenlose Katze

duc 1982, Acryl auf Leinwand

1975 – Konzerthaus – wo alles begann

Wiener Konzerthaus, Aquarell

Wiener Konzerthaus, Aquarell, © Matthias Mann – 1991

Ratlos stehen wir vor dem Konzerthaus.
Aus der grauen Fassade löst sich ein schwarzer Schatten und entpuppt sich als Torwächter. Der große, schlanke, ältere Herr im schwarzen Arbeitsmantel fragt uns mit strenger Stimme: „Was wollt ihr drei Hippies hier?“ – „Wir suchen Arbeit“

„Rechts, langer Gang, Stiege zwölf, Halbstock, Hausinspektion, Inspektor Meznik, Svestka mein Name, bin hier der Portier.“
„Haben Sie die Koordinaten auch als Längen- und Breitengrad?“wollte ich fragen, traute mich aber nicht, da uns der strenge Herr bereits in die offene Tür schob.

Der Hausinspektor sticht seine Blicke durch den Brillendraht und bleibt an unseren Haaren hängen.„Hab ich euch nicht schon einmal rausgeschmissen? Bei einem Pop-Konzert?“
Wir schütteln unsere achsellangen Mähnen und heben zur Gegenfrage an: „Haben sie drei Stellen frei?“ „Morgen um Elf Uhr seh‘ ich euch wieder!“
Treffer.
Wir waren drinnen und durften nun von innen feierlich sagen:
„Wiener Konzerthaus“
Den anderen Zweien war die Arbeitszeit zu intensiv und sie verließen mich nach nicht einmal einem Jahr. Ich blieb und freute mich darüber, was ich alles durfte und meine Freunde nun versäumten.

Ich durfte Harry Belafonte alle Türen öffnen und Sammy Davis Juniors Intimspray ergattern, durfte Friedrich Gulda einen Flügel unter seine Finger schieben und Mauricio Pollini die abgesägte Steinwaybank unter seinen A…ugen auf die Bühne stellen, durfte Tina Turner splitternackt sehen und mir von Ike, ihrem Mann, eine Rüge holen.
Durfte mit Orchestermusikern lachen, mit Jazzmusikern trinken und mit Rockmusikern in der Garderobe einen Joint durchziehen.
Durfte die Schatten von Stockhausens beleuchteten Aquarienfischen als huschende Seelen über die Säulen flitzen sehen, durfte Ligetis Metronome austicken hören und durfte die Stille zwischen John Cages Noten spüren. Aber vor allem durfte ich Musik hören und zwar alles und so oft ich wollte, denn wenn die Musiker einmal auf der Bühne standen, brauchte man uns Saalarbeiter nicht mehr.

Es kam mir so vor, als ob das Konzerthaus jeden Tag eine Party gab, und tausende Gäste kamen, sahen und lauschten und hoben in der Pause tausende lauwarme Sektgläser zum Mund und doppelt so viele Augen blickten zufrieden in tausende andere zufriedene Augen.

Aber hey, das waren die Siebziger, das war mitten in „Liebe, Friede und Kraft der Blumen“.
Heute heben sich die Sektgläser wesentlich unterkühlter und so weiter…

(Zitat: „und so weiter…“ von Friederike Mayröcker)

Grolimund Teil 1

Grolimunds Tochter Yasmina

2009 – Yasmin Grolimund, Arthurs Tochter

 

Es ist der 3. Februar 1800
Alexander von Humboldt hatte die Position der Aus- sowie Einmündung des Cassiquiare mit Hilfe der Gestirne bestimmt. Er hatte damit bewiesen, dass der Cassiquiare als Kanal zu verstehen ist, der aus dem oberen Orinoco herausströmt und im Süden in den Rio Negro fliesst und dass somit natürliche Kanaele auch im ebenen Terrain vorkommen knextpageönnen, im Gegensatz zur Lehrmeinung der europäischen Geologen.

Alexander von Humboldt fuhr mit seinem Begleiter Aime Bonpland, einem Botaniker aus La Rochelle in Frankreich und einigen eingeborenen Helfern samt dem noch verbliebenen Gepäck, tagelang im Kanu den Rio Negro flussabwaerts um nach Manaus zu gelangen, wo er für neue Reisepapiere sorgen wollte, denn seine waren an den letzten Stromschnellen des Cassiquiare vor dem Rio Negro mitsamt den gesammelten Artefakten der Amazonasvoelker und dem akribisch zusammengestellten Herbarium des Bonpland ein Fraß der schäumenden Fluten geworden.

In Manaus, zu jener Zeit unter portugiesischer Verwaltung, sollte der Gesandte des deuschen Kaisers, der Konsul Arthur von Grolimund beim Gouverneur von Manaus eine Audienz erwirken bei der Humboldt um neue Reisepapiere ansuchen wollte.
Humboldt und Bonpland trafen gegen Mittag im Hause des Konsuls ein und wurden von einer bronzehäutigen, erhabend blickenden, elegant gekleideten eingeborenen Frau empfangen. Ihre edle Haltung war nicht die einer Dienstmagd und Humboldt wusste nicht recht welches Höflichkeitsprotokoll nun wohl angebracht wäre. Gottlob stellte sich die Frau bald selbst als Maria Augustinha vor und war die Ehegattin des ehrwürdigen Konsuls. Sie hieß die beiden Reisenden Platz zu nehmen und brachte ihnen einen Krug mit Wasser zur Erfrischung.
Als wenig Später Arthur von Grolimund, der Konsul eintraf und sie nach ausgiebigen Begrüssungen und Ehrbezeugungen die Formalitäten hinter sich gebracht hatten, lud der Konsul seine Gäste zum Mittagessen ein.
Auf einem langgestreckten Tisch auf der Terasse des aus Holz und Stein gebauten Hauses wurden die Speisen aufgedeckt. Es gab Rinderbraten, Eierteigwaren, Bohnensprossen, Tomaten und trockene, geschrotete Wurzeln der Maniok-Staude genannte Farinha, die gegen Malaria schützen soll.
Zu trinken gab es wieder dieses köstlich erfrischende Wasser aus dem siebenundsechzig Meter tiefen Brunnen.
Der Gastgeber meinte, nun habe er endlich ein Alter erreicht, das der Tiefe seines Brunnens entspräche.
Zum Abschluss des reichen Mahles holte der Hausherr eine Flasche aus den kühleren Bereichen seiner Residenz und stellte sie einladend in die Mitte der Tafel. Es handelte sich um feines Kirschwasser, was nicht zuletzt Aufschluss über die Herkunft des Konsuls geben sollte.
Nachgefragt bestätigte Arthur von Grolimund seine schweizerische Abstammung. Humboldt hatte es schon auf Grund des Akzents vermutet.
Nun wurden eifrig Lebensgeschichten ausgetauscht und der Konsul erwähnt, dass seine elfjährige Tochter im Kirchenchor sänge und seit einiger Zeit sogar die Violine spielt.

Über seine Schulter hinweg rief er nach seiner Tochter Yasmin. Das bronzeschimmernde Mädchen mit dichten langen schwarzen Haaren und grünbraunen Augen erschien mit der Geige in der Hand, stellte sich am anderen Ende der Tafel auf und begann sofort einfache Lieder zu spielen. Man merkte, dass sie erst vor wenigen Monaten die ersten Geigenstunden erhielt, aber sie hatte bereits einen schönen gleichmaessigen Bogenstrich.
 


 
Und nun liebe Freunde, könnt ihr die Namen Alexander und Aime durch Herbert und Doris ersetzen.

Es ist der 5. Februar des Jahres 2009

Ja, es stimmt, mein Reisepass ist futsch. Gestohlen, oder verloren, egal wie, ich bin ohne Identität.
Das heisst, Doris muss allein weiterreisen, denn meine neuen Reisepapiere erlauben mir nur Brasilien zu verlassen und in Europa einzureisen.

Ich werde trotzdem versuchen über die Grenze nach Bolivien zu kommen.
Der Comandante an der bolivianischen Grenze wird mir wohl mit Höflichkeit alleine nicht erlauben einzureisen. Da werde ich universellere Signale sprechen lassen müssen. Zum Glück ist ja Fasching und alle wollen gut dastehen und ausgiebig feiern. Da lässt man die Quellen nicht versiegen.

Diese Geschichte ist wieder einmal typisch fuer unsere Art zu reisen.
Wir beschwören das Unvorhergesehene geradezu herauf. Das ist Teil des Abenteuers, wie hätten wir sonst den guten Arthur Grolimund und seine Familie kennengelernt?

Er selbst war so froh wieder einmal mit Menschen aus der alten Welt zu sprechen und Gedanken auszutauschen, dass er uns eine DVD geschenkt hat, mit einer Aufzeichnung der Oper Ça Ira von Roger Waters, aufgenommen im Teatro Amazonico, bei der seine Tochter mitgesungen hat.
Wir werden heute Abend gemeinsam ein Konzert besuchen.

6. Februar
Heute um 18:00 hat Doris mich verlassen und fährt mit dem Schiff den Rio Madeira stromaufwärts nach Süden zum Hafen der Stadt Puerto Velho.
Ich habe ihr noch die Hängematte am 2. Deck aufgeknüpft und dann „Auf Wiedersehen“ gewunken. Das Schiff verliess den schwimmenden Hafen mit dröhnenden Motoren im Dunst des Rio Negro.
Da steh ich nun, alleine und weiss gar nicht ob ich ihr folgen kann.
Meine Papiere kommen erst in ein paar Tagen an.
Nun kommt meine Einsiedlerseele wieder hervor. Zum Glück ist Manaus eine sehr symphatische Stadt, voller interessanten Menschen.
Ich sitze beim Kaffee und schaue ihnen zu.

Grolimund Teil 2

Arthur Grolimund

Arthur Grolimund, österreichischer Honorarkonsul Manaus (gest. November 2011)

 

Leishmaniose
„Ich hatte früher ein wilderes Leben“ eröffnete Arthur das Gespräch, während er sich mit der Gabel eine deutsche Bratwurst aus dem Topf angelt. Heute gehört er und seine Familie der presbyterianischen Kirche an und Arthur hat sich einen frommen Lebensstil zugelegt. Vor dem Essen wird gebetet und Gott für die Gaben auf dem Tisch gedankt.“Sollen wir auf deutsch oder portugues beten?“ fragt er seine Frau. „Japonese“ erwiedert Augustinha mit unterdrücktem Lächlen und verdreht ihre dunkelbraunen Augen himmelwärts. Doris und ich falten unsere Hände zum Gebet. Ich kann aber dem Gebet nicht recht folgen und setze mein „Amen“ viel zu spät ein.

Während des Essens erzählte Arthur uns einiges aus seinem interessanten Leben. Begonnen hatte er hier in Manaus mit einer Fabrik, die Dichtungsringe für Schweizer Uhren herstellte. Die Erzählungen wurden äußerst interessant, als er auf das Thema Pflanzen und Tiere im Amazonasgebiet kam. Meistens waren seine Kontakte schmerzlicher Natur. Er hatte zum Beispiel ein Stück Urwald erworben und wollte das Holz verwerten. Eines Tages musste er feststellen, dass man ihm fast alle Bäume umgesägt hatte, obwohl er einen Wächter bezahlt hatte, Augen und Ohren offen zu halten. Der Kerl musste die Motorsäge in der Nacht gehört haben, aber die Diebe hatten ihn wohl besser bezahlt. Wütend fuhr Arthur zur Polizei um eine Anzeige zu machen. Als er zurückkam, waren alle Bäume weg. Abtransportiert. Binnen weniger Stunden. Eine schmerzliche Erfahrung.

Doch sie wird noch schmerzlicher. Er schnitt den Rest der Bäume um und schaffte sie in ein Lager. Am Abend bemerkte er einige rote Stellen über seiner linken Hüfte, die über Nacht anschwollen und merkwürdig spitz zuliefen. Erst dachte er an eine Entzündung die er sich beim Holztragen mit seinen schmutzigen Fingernägeln zugezogen hatte. Die Stellen wurden aber immer grösser und bildeten richtige Krater.Erst jetzt ging er zum Arzt, der sofort Leishmaniose feststellte. Verursacht durch einen besonders heimtückischen parasitären Einzeller, der sich sogar in die koerpereigenen Fresszellen einnistet. Es hatte ihn also doch beim Holztragen erwischt. Schmetterlingsmücken hatten ihn mehrmals gestochen, als er einen Bund Holz unter dem Arm zum Lastwagen schleppte.


100 Wespen
Eines Tages stellte er sich nackt unter seine Gartendusche. Als er den Wasserhahn aufdrehte, überfielen ihn hunderte von Wespen und stachen ihn in den Bauch und den empfindlichen Stellen darunter. Die Wespen waren im Begriff, die Dusche in Beschlag zu nehmen und sich an den Rohren eine neue Villa zu bauen. Direkt am Duschkopf hing bereits der Rohbau, als die Wasserstrahlen den Bau wegsprengte und die Wepen nun wie wild gegen den Zerstörer vorgingen. Arthur schlug sich mit dem Handtuch die Wespen vom Leib und legte sich mit grossen Schmerzen ins Bett. „Das hat weh gemacht“ untertreibt er auf schweizerisch“

Er hat mir später einen Film mit den Wespen auf seiner Dusche gezeigt. Es sah fürchterlich aus. So eine Schwarmbildung kenne ich sonst nur von Bienen.Auf sämtlichen Rohren und dem Duschkopf wimmelte es von zwei Zentimeter langen, schlanken Wespen.


Skorpion
„Meine damalige Freudin und ich gingen abends in ein Restaurant eines Freundes, nahe der Stadtgrenze, am Rande des Urwalds. In den achziger Jahren war Manaus noch nicht so gross wie heute und der Wald umschloß die Stadt mit dichtem Grün.Wir nahmen an einem Tisch im Freien Platz, im Schatten eines Mangobaumes, der ausserhalb eines kleinen Mäuerchens wuchs.
Irgendwann im Lauf des Abends spürte ich einen Schmerz im linken Ellenbogen. Ich dachte ich hätte mich in die kleinen Glasscherben gelehnt, die überall verstreut am Tisch lagen. Ich sah mir Stelle im Licht der Tischlaterne an, konnte aber nichts besonderes entdecken. Vielleicht wieder eine Wespe, dachte ich. Da der Schmerz immer grösser wurde schlug meine Freundin vor, nach Hause zu fahren und eine Schmerzsalbe aufzutragen. Nach einer unruhigen Nacht zeigte sich am Ellenbogen ein roter Fleck. Noch immer dachte ich an eine Wespe, obwohl man keinen Einstich sah.

Tage danach wurden die Schmerzen immer rasender und auch der Fleck wuchs von mal zu mal. Ich lief also zum Arzt. Der verschrieb mir Antibiotika und Schmerztabletten. Weitere schlaflose Nächte folgten, in denen ich mir den Arm von Zeit zu Zeit in einen Bottich mit Eiswürfeln legte um die Schmerzen zu lindern.

Es half nichts, bald schmerzte bereits der ganze linke Arm und der rote Fleck hatte sich zu einem grossen roten Ring ausgebildet. Als auch noch meine Verdauung ins chaotische glitt, empfahl mich ein Freund zum Betriebsarzt jener Fabrik, die früher mir gehörte. Der Arzt war ein Inder und kannte sich sofort aus. Er hatte einer einheimischen Frau mittels Geistheilung geholfen. Bei mir, meinte er, wirke so etwas nicht. Ich komme aus dem Westen und glaube nicht an derlei Dinge. Er veschrieb mir ein Medikament, dass er mir spritze. Vierzig Spritzen benötigte der Skorpionstich um einigermassen zu heilen. Ein Jahr lang hatte der Stich weiterhin furchtbar geschmerzt. Selbst fünf Jahre danach konnte ich ihn noch spüren, besonders wenn ich mich auf die Ellenbogen abgestützt hatte. Und selbst heute noch, viele Jahre danach, kann ich einen dumpfen Schmerz erkennen wenn ich an meine Ellenbogen denke.“

Grolimund Teil 3

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Onca – Kopf des Jaguars aus dem Hause Grolimund

 

„Als ich Anfang der achtziger Jahre hier in Manaus ankam, kaufte ich einen Baugrund etwas außerhalb am Waldrand. Heute liegt mein Haus mitten in der Stadt, wie du siehst“ erzählt mir der Schweizer Arthur Grolimund , Honorarkonsul für Österreich.
„Ich hatte damals eine Menge Tiere in meinem Garten. Ein paar Hühner, zwei Dobermänner, vierzehn Aras und fünf große Schildkröten. Auf der Größten konnten zweijährige Kinder reiten. Kinder und Erwachsene von ringsum kamen regelmäßig um sich an den Tieren zu erfreuen. Eines Tages besuchte mich ein schweizer Anwalt und brachte eine Kiste in der Größe eines Kindersargs mit. Die Kiste hatte Luftspalten und man konnte ein Tier darin vermuten. „Arthur, willst du mir den kleinen Jaguar abkaufen?“ fragt er mich und ließ mich in den Spalt blicken. Im Inneren sah ich das Kätzchen. „Er ist etwa drei Monate alt.“ meinte der Anwalt. Im trüben Licht erkannte ich, dass sein Fell noch sehr hell war, mit angedeuteten Flecken. „Nein, nein, ich kaufe keine Raubkatze, was soll ich denn damit?“ Damals war der Handel mit Wildtieren innerhalb Brasiliens zwar noch nicht verboten, aber ich wollte einen friedlichen Garten.„Na gut, aber du, ich müsste dringend ein paar Wochen nach Venezuela. Könnte ich das Jaguarweibchen inzwischen deiner Obhut überlassen? Ich hole es in drei Wochen wieder ab, dann zahle ich dir auch die Spesen.“

Also gut, ich nahm die Kiste an mich und baute die Tage darauf einen kleinen Käfig neben meinem Hühnerstall. Die Kleine war recht drollig und wurde bald zum Liebling der Nachbarkinder.Meine beiden Dobermänner wachten im Garten und waren darauf trainiert laut zu geben, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Ich wartete viele Wochen, aber der Anwalt kam nicht wieder. So hatte ich das Tier ohne meinen Willen am Hals. Ich dachte daran es dem Zoo in Manaus zu vermachen. Der war aber gerade im Aufbau und der Zooleitung war das Geld ausgegangen. Also verbrachte das kleine Raubtier seine Tage bei mir in einem kleinen Käfig.

Die Zeit verging und nach anderthalb Jahren war Onca (sprich: onssa), wie man den Jaguar hier in Brasilien nennt, zu einer stattlichen Katze geworden. Inzwischen fraß sie jeden Tag bereits an die zwei Kilo Fleisch. Der Käfig war schon lange zu klein und so baute ich einen Robusteren etwas weiter von den Hühnern entfernt. Am nächsten Tag sollte noch das Tor geschweißt werden, dann wollte ich die Raubkatze übersiedeln.
Es war ungefähr fünf Uhr früh. Ich hörte einen fürchterlich langgezogenen Schrei von dem ich sofort glockenwach wurde. Das war einer meiner Hunde, schoss es mir durch den Kopf. Im nächsten Augenblick war mir klar, dass der Jaguar ausgebrochen sein muss. Ich nahm meine Achtunddreißiger aus der Schublade und schlich mich mit einer Taschenlampe zur Türe in den Garten. Gleich an der Zaunmauer im Gebüsch sah ich sie. Onca hielt einen meiner Hunde zwischen ihren Pranken und biss am Rückgrad herum.

Normalerweise beißt der Jaguar sein Opfer ins Genick oder packt es mit den Zähnen am Kopf. Aber meine Jaguarkatze hatte nie gelernt zu jagen, sie war viel zu früh ihrer Mutter weggenommen worden. Der Hund winselte in Todesangst. Ich schoss ungefähr fünf Mal in Richtung der Tiere und traf dabei die Raubkatze ein oder zweimal in den Kopf. Ein wenig Jaguarblut vermischte sich mit dem des verletzten Dobermanns. Erstaunt blickte mich Onca an. Eine Schrecksekunde lang wussten wir beide nicht, was nun passieren würde. Dann Iiess sie plötzlich von ihrer Beute ab, machte einen Satz auf die Mauer und verschwand im Garten meines Nachbarn. Ich musste die Verfolgung aufnehmen und rannte auf die Straße. Auf der Flucht konnte Onca einen Menschen verletzen oder gar töten. Ich musste sie stoppen.

Inzwischen setzte sie auch noch über einen weiteren Zaun zum nächsten Nachbarn, einem Japaner. Der hatte schon mitbekommen was los war und mit seiner Pistole, Kaliber zweiunddreißig, aus dem Fenster auf das Tier geschossen. Ein Zucken der Flanken zeigte, dass er dabei sicher ein paar Mal den Körper getroffen hatte, was aber überhaupt keine Wirkung zeigte. Inzwischen war Hundegebell aus mehreren Nachbarsgärten angeklungen und Onca lief den Weg zurück, sprang über die Mauern und landete wieder in meinem Garten.

In der Zeit, als ich die Verfolgung aufnahm, erschien mein zweiter Dobermann in der Fabrikhalle neben meinem Haus. Dort wurde zu der Zeit vierundzwanzig Stunden durchgearbeitet. Als Luis, der Vorarbeiter, ein erfahrender Jäger, meinen Hund sah, wie er da stocksteif und zitternd an der Türe stand, wusste er sofort Bescheid. Er rief laut in die Maschinenhalle „Der Onca ist los!“. Sämtliche Angestellten kletterten vor Angst auf die Maschinen. Luis stürmte in sein Büro, wo er seine Rifle an der Wand hängen hatte. Er packte das Gewehr und kramte nach Munition. Als er bei mir im Garten eintraf, hatte ich Onca bereits entdeckt. Sie saß im hinteren unbeleuchteten Teil auf einem Holzstoß, der mit einer Regenplane abgedeckt war. Sie war verletzt und atmete schwer. In einem Augenblick, als sie den Kopf zur Seite drehte, schoss ihr Luis durch das Ohr in den Kopf. Onca war sofort tot.

Mit tut es noch heute leid, dass es so gekommen ist. Onca war ein prächtiges Tier, eine starke Raubkatze. Ich ließ sie häuten und den Kopf präparieren. Heute liegen ihre Überreste als Dekoration in meinem Wohnzimmer.“Der verletzte Dobermann überlebte, hatte aber achtunddreißig Löcher von Zähnen und Krallen in seinem Körper. Als Arthur mir den Schädel Oncas zeigte, bibberte sein neuer Hund, ein Huskie, vor Angst und drückte sich steif gegen die Wand. Der Anblick der Zähne schien ihm einen Schock zu versetzen, obwohl er noch nie eine lebende Raubkatze gesehen hatte.

„ Eines habe ich gelernt“ resümiert Arthur „Wenn du im Dschungel auf einen Jaguar triffst, bist du mit einer Pistole machtlos. Nimm besser ein Gewehr mit, aber ziele gut. Oder hoffe dass du keinem erwachsenen Onca im Wege stehst.“

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Onca – Fell des Jaguars aus dem Hause Grolimud

Nacherzählt von Herbert Heyduck
Gewidmet Richard Kühn zu seinem Vierziger.