Romy

Waren es die Augen? Der Mund, oder diese unaufdringlich hübsche Nase? Oder ließ mich die Spitze ihrer Ohrmuschel  beben, die sich durch ihre Haarsträhnen schob?

Sie sieht immer links an mir vorbei. Diese Frau ist es, die mich sehnsüchtig den nächsten Tag erwarten lässt. Still sehe ich zu ihr hinüber. Sie hat ihren fixen Platz im Café, einen besonderen Stammplatz am Fenster.

Wo schaut sie hin? Was sehen ihre Augen? Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, träumend und wartend, als sähe sie etwas am fernen Horizont. Doch nein, es ist ein unbestimmter Blick, gerichtet auf einen unbestimmten Punkt im Inneren dieser wunderschönen Seele.

Ich sitze ihr gegenüber, damit ich sie bewundern kann. Still hebe ich meine Kaffeetasse und proste ihr zu, ohne die Blicke der anderen Gäste auf mich zu ziehen. Aber sie scheint mich nicht zu bemerken. Das macht nichts, denn ich weiß, dass sie mich duldet, dass es ihr nichts ausmacht, wenn ich in ihrer Nähe sitze und sie still betrachte. Ich bleibe immer nur ein paar Stunden, um unser platonisches Verhältnis nicht zu strapazieren und auch, um meine Freude sie zu sehen frisch zu halten. Aber ich kann sicher sein, dass ich sie am nächsten Tag wieder an ihrem Stammplatz hängen sehe.

Unlängst hat ein unbekannter mit Filzstift ein Symbol auf ihren Hals gemalt, so als müsste er sein Revier markieren. Das ist ungehörig. Romy gehört allen und niemanden und es ist eine Schande dieses schöne Schwarzweiß-Plakat zu verunzieren. Meine Tasse klimpert, so zittert meine Hand vor Wut. Romy aber blickt ungerührt aus dem Fenster.

Vielleicht setze ich auch ein Zeichen, ein Geheimes, wovon nur sie und ich weiß, einen schwarzen Punkt auf ihre schwarze Lacklederjacke. So subtil, wie ihr Blick nach Innen, so geheim, wie meine Liebe zu ihr.

Die Botschaft der Mazianer

Commander Riker: (aufgeregt) „Captain, Captain, wir empfangen ein deutliches Signal!. Unser Bordcomuter hat eine verschlüsselte Botschaft identifiziert.“ Jean-Luc Picard: „Auf … Weiterlesen

Die Landung

Landung auf einem Planeten einer fernen Galaxie

„Freie Sicht in 02, Landung in 04“

Wir sahen auf die Löcher in der Wand, aus der die Stimme des Navigators kam und stellten uns bereits die Landung vor, den Anblick, der uns erwarten würde. Dann durchdrangen wir die dichte Wolkendecke aus Methan und Stickstoff. Endlich war es soweit, wir erblickten während des Sinkflugs eine bizarre Landschaft unter uns.

Als unser Raumschiff festen Boden unter den Füßen hatte, schalteten wir erst einmal alle Maschinen ab und lauschten in der Stille unseres Landemoduls nach draußen. Selbst durch die dicken Schaumstoffwände hörten wir ein schnarren, kratzen und zwitschern, das sich so anhörte, als wenn jemand den richtigen Sender suchte.

Wir saßen minutenlang einfach da und hörten der fremden akustischen Welt zu. Dann starteten wir unseren Kernauftrag, legten unsere Raumanzüge an und öffneten das Schott. Als Botschafter war ich als erster verpflichtet, den fremden Boden zu betreten. Zuerst steckte ich den Kopf durch die Türe und sah mich um. Das heißt, ich drehte meinen Kopf nach allen Seiten, aber von sehen konnte man hier nicht sprechen. Sehen bedeutet, die Lichtstrahlen aufzunehmen die von Objekten reflektiert werden und mit dem Hirn zu verarbeiten. Hier gab es zwar viele verschiedene Lichtfrequenzen, die auf mein Auge feuerten, aber ich sah nur verschwommene Farbflecken, die sich ineinander schoben und ihre Wellenlänge veränderten. Perspektivisches Sehen war nicht möglich, so konnte ich auch keine Entfernungen abschätzen.

Manchmal zitterten die Erscheinungen , so dass mir schwindlig wurde. Ich musste auf irgendetwas bekanntes schauen, damit ich mich nicht übergeben musste. Ich sah auf meine Fußspitzen, war mir aber gar nicht mehr sicher, ob sie zu mir gehörten. Nun klopfte mir die Kommandantin des Schiffs, die sich hinter mir in der Schleuse befand auf die Schulter und deutete mir weiterzugehen.

Nur mehr auf mein Gefühl in den Zehen verlassend, suchte ich mit den Füssen halt an der Ausstiegstreppe. Auf der letzten Stufe machte ich halt. Obwohl ich wusste dass der Boden fest sein musste – unser Raumschiff stand ja darauf – traute ich meinen Augen nun noch weniger. Der Boden waberte wie Wasser oder waren es Ölflecken auf glitschigem Grund? Betrat ich eine riesige Leinwand auf der ein psychedelischer Film ablief?

Es wurde dunkel, ein Schatten schob sich auf uns zu. Etwas Riesiges verstellte mir die Sicht auf den soeben entdeckten Planeten. Das war vor drei Tagen. Am Kommandotisch herrscht gedrückte Stimmung. Unsere Kommandantin weiß immer noch nicht, was sie in ihrem Bericht schreiben soll. Es war nicht Angst, die uns umkehren ließ, es ist die Hoffnungslosigkeit.

Die Landung

Unerhörte Gedanken

Vor einiger Zeit schon landete ich unsanft auf einem noch unbekannten Jupitermond.

Ich glitt auf seinem Eis dahin und stoppte zwischen zwei riesigen Eiszapfen, die meinen Stoß mit Knirschen und Brechen ins Innere der Kapsel weiterleiteten. Da war ich nun, einsam auf einem Eismond. Kann man sich etwas trostloseres vorstellen? Mein Sprit reicht nicht, um der geringen Schwerkraft des Mondes zu entkommen. Die Energieversorgung reicht nicht einmal mehr aus um ein Handy zu betreiben.

Da dachte ich, es würde vielleicht helfen, nach dir zu rufen, meine Liebste. Ich rief allerdings nur in Gedanken, denn der Mond besaß keinerlei Atmosphäre, die meinen Ruf verbreiten konnte. So schickte ich also viele, viele Gedanken in Richtung Erde, um deine Aufmerksamkeit zu erregen. Lange wartete ich auf ein Echo der Bodenstation.

Ich weiß nicht mehr warum, vielleicht auch aus Verzweiflung, schnitt ich einen Eisblock entzwei und entdeckte in seinem Inneren merkwürdige Zeichen, so eine Art Schrift. Nach mehreren geteilten Eisblöcken erkannte ich die Schlangenschrift, die du einst erfunden hast und die nur du verstehst.  Es ist eine Antwort von dir als gefrorenes Echo, das aber schon vor langer Zeit auf dem Jupitermond eintraf.

Ich sitze hier und weiß nicht, was du mir schon längst sagen wolltest. Der Mond lässt mich hier nicht weg. Er behält mich auf seiner eisigen Oberfläche.

Unerhörte Gedanken

 

wegtreten

Du musst einen Schritt wegtreten. Weg von der Hitze, aus dem Feuer gehen, es verbrennt dich. Es ist schön wenn es wärmt, aber  wenn du blasen bekommst, die zu offenen Wunden werden und dich das Eiter zerfrisst, ist die Magie verschwunden. Ein Glas Whisky um den wehen Zahn gespült und eins noch zum Schlafengehen. Morgen lüftest du dein Zimmer, es riecht schon säuerlich.

Im Spiegel siehst du fetter aus als du dich fühlst und die Haare stehen dir zu Tal. Du drehst jetzt am besten das Licht ab und haust dich unter die drei Decken, die  du eigentlich in die Truhe stopfen wolltest. Eine Idee von Wärme, nur für diese Nacht noch. Eine kalte Nacht, die längst schon dem nächsten Tag gehört.

Morgen räumen wir die Decken weg und alles andere was da so herum liegt. Morgen schmeißen wir alles von heute weg. Die leere Whiskyflasche, die Verpackung vom Speck, die zertretene Brille am Teppich, die Taschentücher und die alte Hoffnung.

Cafe „Einfahrt“

Wie er sich plagt, sein Hals wird fest, man sieht seine Sehnen. Immer mehr Blut presst sich in sein Gesicht und färbt es gefährlich rot.

Herwig spielt Be-Bop. Ein Schlagzeuger, ein Bassist und Herwig. Ich erwartete heute eckige Musik. So nenne ich den Jazz mitunter. Aber ich höre weiche, harte, dumpfe und schrille aber runde Töne. Hinauf und hinunter zirkulieren Herwigs Finger auf seinem Saxophon. Weiß er, welchen Ton er als nächstes spielen wird? Oder den übernächsten? Oder lässt er seine Stimmung entscheiden?

Der Klub, viel länger als breit und an seinem Ende eine Bühne, klingt gar nicht nach Betonröhre oder Badezimmer. Er klingt sehr nach Klub. Nach einem Jazzklub mitten in Wien. Nicht New York, nicht Prag. Wien. Es ist schön hier in dieser Stadt zu leben, sich nicht nach Greenwich Village sehnen zu müssen, oder in den kleinen verrauchten Bierjazzkeller in Prag.

Man braucht nur am Karmelitermarkt in die „Einfahrt“ zu gehen und schwupp sitzt man in einem äußerst klubbigen Jazzklub.

Heizungsrohre führen an der Decke längs durchs Lokal und enden über den Musikern. Es ist kaum mehr Platz zum sitzen frei, nur mehr an Plätzen an denen man nicht zur Bühne sieht. Heute wollen alle das Trio bewundern. Viele drängen sich an die Schank um immer wieder Platz zu machen für den Kellner und seinem Tablett.

Sieht das Jazzpublikum eigentlich anders aus als sagen wir Rock- oder Westernfans oder Heurigengäste?

Ja, klar. Jazzer sind immer von einer intellektuellen Wolke umgeben. Bloß nicht anmerken lassen, dass man vom Jazz keinen Tau hat.

„Stan Getz?“ „Ja genau!“

Alles Profis, was den Jazz anbelangt. Ich fühle mich gerade deshalb hier sehr wohl.

Sie sind mir in diesem Punkt alle überlegen. Alle. Ohne Ausnahme. Da kann ich doch eine Menge lernen, oder?

Café Raimundhof

Hier im Café Raimundhof habe ich eine Ecke gleich neben dem Eingang gefunden, in der ich das Lokal überblicke und in Ruhe schreiben kann. Ich höre einen modernen Country im Dreivierteltakt von irgendwo aus den Lautsprechern.

Vor der Theke aus unverputzten Ziegelsteinen, spricht aufgeregt ein Schwarzer mit dünnen Rastalocken in sein Telefon.: “Weiß nicht warum sie mich gefragt, habe nix gemacht! Ich frag sie was sie jetzt mit mir machen wollen, sagt Polizist wir bringen dich jetzt um Ja! Echt! Hat er gesagt! Das ist nicht in Ordnung, oder?”

Carl, so nenne ich ihn jetzt, da ich seinen wirklichen Namen noch nicht kenne, sitzt also auf einem ledernen Barhocker und hält ein Schreiben in der Hand, offenbar ein Vernehmungsprotokoll. “Ich sollte nix unterschreiben auf Papier. Ich bin ja so was von blöd!”

Claudia, die Kellnerin, fragt beiläufig zwischen zwei Bissen in ihren Hamburger: “Wo war denn das?” wohl eher um den Gast bei Laune zu halten. Mit der Antwort zufrieden, widmet sie sich dem Reinigen der Whiskyflaschen, die verkehrt herum in ihren Schnapsspendern hängen.

Wieder wählt Carl eine Nummer auf seinem Handy, das Problem schein noch lange nicht aus der Welt zu sein. Claudia fertigt inzwischen einen Gast ab, der zahlen will. Sie ist klein und schlank und hat ein sehr schmales Gesicht und ihre dunkelbraunen Haare zu einem lässigen Haarknopf zusammengebunden. Ihr schwarzes breites Stirnband verleih ihr automatisch betriebsame Emsigkeit. Beharrlich widmet sie sich wieder ihren Spirituosen. Alles muss glänzen.

Ich höre das Plätschern des Abwaschwassers als sie den Schwamm ausdrückt. “Was hat Anne gesagt?” wirft sie einen kurzen Satz zu Carl hinüber.

Der spricht aber schon ins Telefon, offensichtlich mit einem Beamten der Polizei, er lässt den Vorfall nicht auf sich beruhen. “Ich möchte wissen warum man mich mitgenommen hat. Wie? Montag in die Billrothstrasse soll ich hinkommen? Also gut, am Montag dann, danke, Adieu!”

Carl steckt in engen ausgewaschenen Jeans und hate eine weite schwarze Kapuzenjacke über seinen schlanken Körper geworfen. “Ich hab doch nix gemacht. Ein Freund ist gestorben in Frankreich. Und ich war bei Freunden um zu trauern. Wir haben eine Flasche Whisky auf ihn getrunken.”

Ich müsste Carl erklären, dass nicht er das Ziel der Observation war sondern seine Freunde, die sich vielleicht etwas zu Schulden kommen haben lassen. Aber ich bin der stille Beobachter, der Unsichtbare diesmal. Diesmal suche ich nicht das Gespräch. Ich suche die Gedanken. Ich suche die Gedanken der Gäste im Café.

Claudia bringt mir Earl Gray mit etwas Milch. Auf ihrem hellvioletten T-Shirt steht in gotischer Schrift “Prahá”.

Das passt sehr gut zu ihrem slawischen Aussehen. Im Hintergrund singt ein französischer Chansonnier. Man versteht das Wort “Formidable!” „Was heißt formidable?“ frägt sie Carl, in der Meinung, dass er französisch sprechen können müsste. Das heißt “wunderbar” fällt einem frisch bedienten Gast ein.

Ich wollte eigentlich Rioja, habe aber automatisch Tee bestellt. Eine Fehlleistung.

Neue Gäste am Tresen. Ein älteres Paar betritt das Lokal, und stellt sich glaich an die Bar. Sie sieht aus wie meine Tante Lilly, graublond, konservativer Haarschnitt, weiße Bluse und ihr Begleiter ist ein riesiger Kerl mit absichtlichem Glatzkopf. Sie begrüßen Carl, der reflexartig sein Handy zur Hand nimmt.

Lilly will mit Carl ins Gespräch kommen und fragt ihn, was er denn so mache: “ Jetzt? Oder überhaupt?” “Na Überhaupt.”

“Ich bin Musiklehrer, ja, ich habe 40 Schüler, 20 in Floidsdorf und 20 in Döbling. Na ja, es geht so, ich komme zurecht.”

Er unterstreicht sein Desinteresse am Gespräch indem er noch einmal ganz wichtig tut und eine Nummer auf seinem Handy wählt.

Die Stimmen an der Bar werden lauter und lauter, bis sie endlich die Chansons übertönten, die ich schon nicht mehr hören konnte.
Große ältere, glatzköpfige Männer scheinen in Mode gekommen zu sein. Der Neue lächelt eine Grußformel und streichelt freundschaftlich den Rücken der Eingesessenen.

“Ich kenne dich nun schon seit zwanzig Jahren versucht Lilly das Gespräch mit Carl wieder aufzunehmen. “Aber du siehst immer noch aus wie fünfzehn, als ich dich zum ersten Mal traf.” Gelächter. Aber nur kurz, die Glatzen sind beim politischen Tagesgespräch angelangt Kanzler, Präsident, Koalitionsverhandlungen, Grinseteam. Wortfetzen erreichen mich und ich kann mir die Ironie zusammenreimen.

Der freie Platz neben mir füllt sich mit weiteren Afrikanern. Einer mit weißer Baskenmütze, begrüßt die Runde mit Handschlag. Sie unterhalten sich auf französisch mit hartem Akzent.

Carls Geschichte:

Carl kam mit zwölf Jahren nach Wien. Seine Eltern kamen bei einem Überfall auf ihr Dorf um. Rebellische Milizen hatten das halbe Dorf ausgerottet.

Sie stahlen nichts, sie töteten nur. Was hätten sie auch mitnehmen sollen? Die staubige Wäsche? Die verbeulten Aluminiumpfannen? Die grob geschnitzten Dämonenmasken, die vor jedem Haus wachten?

Carl war mit einigen Freunden am Fluß. Sie suchten nach Schwemmgut im Uferschlamm.

Das hatte ihn und die Jungs gerettet. Von weitem hörten sie das unregelmäßige knattern der Schüsse und die bellenden Kommandorufe. Sie hatten sich im alten Ford versteckt, der auf einer Schotterbank verrostete. Dem Pickup fehlten die Reifen und irgendjemand hatte die Sitzbänke in seine Wohnung geschleppt. Niemand würde das Wrack durchsuchen, hofften sie. Als sie sich in der Dunkelheit zurückwagten, lebte das Viertel um Carls Elternhütte nicht mehr.

Sein Onkel Bato empfing ihn an den Stufen der Eingangstüre und versperrte ihm den Eingang zur Hütte. “Nicht! Nicht dahin; deine Eltern sind tot. Ich bringe dich zu Tante Isabell nach Boto. Dort kannst du eine Weile bleiben.“

“Ich war damals starr vor Angst, Ich konnte nicht denken und ließ mich vom Onkel in den Holzwagen legen, auf den er alles mögliche aus dem Besitz meiner Eltern aufgeladen hatte.“

„Der Ochse brauchte wohl die ganze Nacht bis Boto.
Ich schlief nicht, ich zählte die Sterne, dann die Wolken und dann den Regen.“

Café im W3C

Im Café sind noch viele Tische unbesetzt, aber er wählt seinen Platz so, dass er direkt vor dem Durchgang sitzt, seine Augen geradeaus auf die vorbeiströmenden Menschen gerichtet. Es ist nicht, weil er die Menge überblicken möchte, er will gesehen werden.

Seien dunkle Hautfarbe und sein schwarzes Kraushaar lässt auf afrikanische Herkunft schließen. Aber da ist etwas in seinen Augen, das nicht so richtig dazupassen will. Die Form seiner Nase, seine Bewegungen, die Art wie er sich eine Zigarette anzündet, erzählt eine völlig andere Geschichte. Die drei glatzköpfigen Weissen in Fliegerstiefeln, nahmen keine Notiz von ihm. Der ihm am nächsten saß, schnappte sich ohne ein Wort zu sagen, den Sessel, auf dem eine Tasche abgelegt war.

Café Bluebox

“Eigentlich könnte man sich daran gewöhnen, dass die Köchin gerade einkaufen ist. Ein weiterer Schritt zur Langsamkeit. “

Sowas sagte Doris andauernd.
Von ihrer Erkenntnis beeindruckt, schrieb ich eine Notiz in mein Skizzenbuch.

Es fühlt sich an wie “blauer Montag”, das Café Bluebox an einem Mittwoch Morgen. Ein Morgen der Langsamkeit. Wir hatten uns zwei Tage freigenommen, um als Touristen durch Wien zu wandern, in Kaffeehäusern zu sitzen und einige Ausstellungen zu besuchen.

Zu beginn der Städtetour war ein ausgiebiges Frühstück angesagt. Zuvor kauften wie uns in einer Non.Profit-Buchhandlung ein paar Bücher von Jane Lidloff, Thomas Bernhard und Peter Handke. Und das, obwohl ich mir diesmal kein Buch kaufen wollte und wenn, dann nicht schon wieder den Handke.

Aber es schien aus den Regalen zu schreien: “Erlöse mich, ich bin um gelesen zu werden und nicht um zu vergilben.” Schrie es nicht so aus allen Büchern? So könnte man fragen. Aber Handke schrie aus seinem Buch so eindrucksvoll und bedeutungsschwer wie nur er es konnte. Das Schreien traf meine Seele, griff nach meinen Sehnsüchten und zerrte die heraus, die Handke hieß.

Wir waren die ersten Gäste im Lokal. Ein kalter Terrazzoboden und alter Zigarettenrauch ließ mich kurz zögern. Ein freundlicher Kellner mit längeren zurück gebundenen Haaren und alte Hollywoodmusik ließ uns bleiben.
“Zwei Frühstück bitte!”
“Tut mir echt leid, aber die Köchin ist grade einkaufen. Kaffee?”
Die dicke Köchin zwängte sich mit zwei großen Einkaufstaschen durch die Doppeltüre.
“Zwei Frühstück? Kommt gleich!” triumphierte der ungewöhnlich gut gelaunte Kellner.

Papageienspuren

Papageienspuren

Beginnt es hier? Ist das der Anfang? Hier in der Castenhola Bar im Hafenviertel von Manaus?
Die Wirtin begrüßt mich mit breitem Lächeln und dem Handschlag der Freunde. Wir umschließen gegenseitig unsere Daumen, während sich unsere Handflächen berühren . „Lange nicht geseh’n, wie geht’s dir?“ scheint sie zu sagen. „Toda bem“ lächle ich ihr zu und halte den gestreckten Daumen in die Luft.

Dröhnendes Schmalzlatino aus den Boxen.

Sie singt fröhlich mit, bringt mir ein Skol, schenkt mir ein fingerlanges Glas ein und stellt die langhalsige Bierflasche in einen Cooler aus Styropor. Hastig leere ich das erste Glas und schenke mir zufrieden nach. Du gehst hier zehn Schritte und deine Unterwäsche saugt sich voll.

Heute, um acht Uhr früh hatte es bereits Einundreissig Grad. Als ich die doppelten lichtundurchlässigen Vorhänge zur Seite riss, traf mich die Strahlenkanone Gottes. Aus Angst in ein Aschehäufchen verwandelt zu werden, drehte ich die Klimaanlage runter auf achtzehn Grad.

Hier also, na gut, ist mir recht. Wo sonst noch? In einem Tschocherl, einem Vorstadtcafé in der Engerthstrasse in Wien könnte es vielleicht schon begonnen haben. Aber hier und jetzt habe ich den Knall gehört. Der Startschuss ist gefallen.

Escritor, ficcionista, Autor, Schriftsteller, „Was schreibst du denn so?“ werde ich gefragt. „Schreibst du Science Fiction?“ Die Antwort fällt mir nicht leicht. Wie soll in in Kürze erklären, wovon meine Geschichten handeln? Von überlagerten Realitäten? Dekonstruktivismus? In tausende DUs explodierende ICHs? Das klingt zu hochgestochen, angeberisch, obwohl es stimmt.

Wie wär’s damit: Seit ich denken kann, bemerke ich, dass die Menschen von Jahr zu Jahr dümmer werden. In den letzten Jahren habe ich eine schlüssige Theorie darüber entwickelt. Diese Theorie möchte ich in Geschichten verpacken und sehen, ob sie sich verkaufen lassen. Auf diese Weise, so hoffe ich, werde ich Kontakt zu Gleichgesinnten erhalten, die ein ähnliches Phänomen beobachtet haben und meine Botschaft verstehen.

Science Fiction? Ja, warum eigentlich nicht? Der Zukunftsroman als dekonstruierte Realität der Gegenwart. Aber eigentlich schreibe ich nur über mich selbst. Oder über Einzelteile von mir, die vorübergehend durch sämtliche Gehirnlappen zucken. Die Erklärungen erreichen Romanlänge. Der Roman ist die Erklärung.

„Erzähle bloss nichts über deine Träume“, hatte mir eine alte Frau auf der Mariahilferstrasse zugeflüstert, als mein Euro scheppernd in die Blechbüchse fiel. „Die haben mich deshalb ins Narrenhaus gebracht“ Eh nicht, ich erzähle niemandem meine Träume, ich schreibe sie auf, das ist unauffälliger. Da kannst du über das Ende der Welt schreiben und es kümmert niemanden. „Gut geschrieben, eingenartiger Stil, flotte Feder“, sowas sagen sie vielleicht, oder auch „Zu weit her geholt, Inkonsistent, unverkäuflich“. Niemand würde das Ende der Welt bemerken, selbst wenn es bereits die dritte Wiederholung gäbe.

Eine mutwillig blonde Frau, deren Körper nicht mit Raum geizt und dennoch seine weibliche Form bewahrt zwängt sich durch die gelben Plastikmöbel. An einer Stange aufgereiht, bunte Unterhosen, die sie verkauft. Sofort will ich zugreifen, aber es sind nur Damenslips. Meine Grösse fehlt. Währenddessen nährt sich mein eigener Slip vom Rückenwasser. Die Hitze zwingt auch manche Damen zur Offenheit bis zum Nabel.

Salsatrompeten lähmen meine Schreibhand und meine Gedanken. Ich tauche hinab in die Sehnsucht, die Sucht mich nach Glück zu sehnen. Wenn ich nach oben blicke erkenne ich Licht wie durch einen Brunnenrand begrenzt. Nach unten scheint es endlos in die Dunkelheit zu gehen. Die Sehnsucht endet nie. Salsatrompeten.

Weiter die Straße hinunter zum Rio Negro liegt der Markt. Sonnengegerbte, gebeugte Männer schleppen Reissäcke, Fische oder gelbe Plastikmöbel die Straße herauf. Die erblondete Frau spricht mich an, schnelles brasilheiro, muito rapido. Ich verstehe nicht einmal Bahnhof. Sie schnappt sich einen der Gartensessel und setzt sich sehr knapp neben mich. Reizwäsche will sie mir verkaufen und wahrscheinlich mehr. Wo ich her bin? Was ich hier mache? Fragt sie und lässt meinen Haarschwanz durch ihr Finger gleiten. „Escritor? Australia? Kanguru?“, „Austria, Red Bull“ korrigiere ich. „Gorede“ schreibt sie auf den Deckel meines Notizbuchs, Goschesche heißt sie, sagt sie. Von einem Straßenverkäufer nimmt sie ein halbes Dutzend kleine gekochte Vogeleier und schiebt sie mir nach und nach in den Mund. Ich sehe wie die Wirtin im Hintergrund schmutzig lacht , eine Faust macht und eindeutig den Arm abwinkelt. Ich lade auf eine Flasche Cola ein. Gibt’s hier nicht, nur Bier. Ob ich wohl die Bar wechseln möchte? Ihre Amigas sind da weiter unten in einer viel hübscheren Bar. Nein, ich bleibe, bin verheiratet, erzähle von meiner Esposa, die auf mich in Porto Velho wartet.

Die singende Wirtin schwebt herbei und und lässt ihr Haar frei. Es fällt ihr bis zur Hüfte. Kann einem heißer sein als heiß? Bei jedem „Amor“ im Text des Liedes deutet sie mit beiden Fingern auf mich. Rasch tauscht sie meine fast leere Flasche Bier durch eine neue aus. Zu spät für Gegenwehr.

Gorede zeigt mir ein Höschen in der Grösse eines Haargummis. Nein, nicht zu verkaufen, es gehört ihr. Sie will damit ihren Esposo in die Glut greifen lassen. Da geht sie nun, mit einem tröstenden Winken, sie komme ja bald wieder. Ich mache mir ein paar Notizen. Die Wirtin will wissen, was ich so eifrig aufschreibe. „La Libro?“ Si, Si, nicke ich erfreut über die Anteilnahme. Ja, vielleicht wird ein Buch daraus. „Die tägliche Reise des Irgendwers durchs Irgendwo.“ Aha nickt sie zurück und verschwindet hinter Stapeln von Bierkisten.

Als die Frauen fort waren, stürzen sich die Männer auf mich. Ein kleinerer, etwa fünfzigjähriger Hombre, mit rot entzündeten Augen, einem ledernen Ranchero-Hut auf dem Kopf, dessen breite Krempen seitlich nach oben zeigen und den er unter keinen Umständen absetzen wird, nimmt mich ins Visier. Offensichtlich hat er mein nickendes Grüßen als Aufforderung verstanden. Nun eilt er herbei und setzt sich mir gegenüber an den Tisch.

„Permiso?“ fragt er entschuldigend und schnappt sich mein Notizbuch. Er schlägt es auf und liest angestrengt. Dann greift er zum Kugelschreiber und beginnt sofort auf einer neuen Seite etwas zu schreiben. Mit seiner freien Hand verdeckt er das Blatt. Niemand darf sehen, welche Notiz er mir hinterläßt. Ganz kurz habe ich einen Blick auf die Zeilen. Es sieht aus, wie Tritte eines Papageis im Vogelsand.

Ein alter Herr, weit über die Siebzig, mit dürftigem Haupthaar, krausem Vollbart und nur mehr zwei Eckzähnen im Unterkiefer, lässt sich am Nebentisch nieder, grinst mir zu und spricht mich an. Ich verstehe nichts, aber es sieht ohnehin nicht so aus, als würde er eine Antwort erwarten. Ich bestelle zwei weitere Gläser bei der Wirtin, schenke ein und stelle den Beiden die kühlen Biere hin. Der Alte spuckt auf den Boden, schüttelt den Kopf und deutet mit bebenden Händen zum Himmel. Der Ranchero greift zum Glas und Prostet jemanden auf der Strasse zu.

Aus einer hinteren Ecke des Lokals fuchtelt mir die Wirtin mit den Armen zu. „Achtung, schwule Idioten!“. Ich hebe kurz meine Schultern. Nun hat mich auch noch ein weiterer Barbesucher entdeckt. Ein schlaksiger Mann, mitte Dreissig, hellhäutiger als die beiden Anderen, gefettete schwarze Haare, glatt rasiert mit starkem Mundgeruch, kniet sich vor mich hin ergreift meine Arme und küsst mir die Hände. Sein Herz tut so weh, seine Frau hat ihn verlassen, weint er bitterlich. Seine Tränen fallen in meine offene Hand. Der Kummer schüttelt seinen ganzen Körper. Ich krame zwei Raeis aus meiner Hosentasche und löse mich aus seiner Umschlingung. Verächtlich steckt er den Schein in die Brusttasche seines fleckigen Hemdes und deutet mir, es ginge ihm nicht ums Geld. Aber ich sei ein guter Mensch. Er steht auf und küsst mich auf Stirn und Wangen. Als er mich noch weiter küssen will, dränge ich ihn sanft von meiner Seite. Erst nach einigen weiteren Versuchen hat meine Geste erfolg. Er schultert seinen Rucksack und winkt mir zum Abschied. „Tschau“ Ich rufe noch „Buen Suerte, viel Glück“, mir fällt ein, dass hier kaum jemand mein schlechtes spanisch versteht.

Der Alte stemmt sich aus seinem Sessel und schlurft ihm hinterdrein. Auch der Ranchero trinkt sein Glas leer, legt die Schreibsachen auf meine Tischseite und geht der glühenden Sonne entgegen. „Bonoitsch“ klingt es für mich, „Gute Nacht“ heisst es wohl.

Alle Drei sind plötzlich weg.
Haben Papageienspuren hinterlassen.